Fotoserie über Clubsterben Leipzig

CLOSING DER DISTILLERY

Auf der Bar liegt ein Strauß, davor zwei Kerzen, daneben ein Stück Pappe: „Danke, liebes Tille-Team – für alles, immer! Ihr macht den Ort zu etwas Besonderem, kein Bauwerk.“ Ein Jahr später steht an derselben Stelle ein Bagger.

Die Distillery war fast dreißig Jahre lang einer der wichtigsten Orte für elektronische Musik in Leipzig – gegründet 1992 von neun Techno-Enthusiast:innen in einer stillgelegten Brauerei in Connewitz, seit 1995 zu Hause auf einem ehemaligen Bahngelände in der Kurt-Eisner-Straße. Im Mai 2023 musste sie dort zum zweiten Mal weichen: nicht wegen fehlender Gäste oder fehlender Relevanz, sondern weil sich, wie es die Kundgebung #clubsAREculture an ihrem letzten Wochenende formulierte, kulturelle Belange gegenüber den finanziellen Interessen von Immobilienprojektentwickler:innen nicht durchsetzen konnten. Am Pfingstwochenende 2023 feierte die Distillery mit „The Last Dance“ ihren Abschied – 72 Stunden, zwei Teile, ein ganzes Line-up von Menschen, die diesen Ort zu ihrem gemacht hatten. Ein Jahr später, im April 2024, wurde das Gebäude abgerissen. Auf dem Grundstück entstehen Wohnungen.

Diese Serie begleitet beide Momente: das letzte Fest und das, was danach kommt. Ich habe fotografiert, was zwischen den Zeilen der Nachrichtenmeldungen verschwindet – die Schilder, die Menschen selbst gemalt haben, weil ihnen die Politik keine Sprache dafür gab. Die leere Garderobe, an der Hunderte Mäntel hingen. Die Hände, die einen Ziegel nach dem anderen aus dem zerlegen, was mal Wände waren. Kein Bauwerk, hieß es auf der Karte an der Bar – und genau darum geht es: nicht um Beton, sondern um das, was ein Ort aus Menschen macht, und was verloren geht, wenn er verschwindet.

Es ist nicht die erste Distillery, die weichen musste, und in Leipzig ist es nicht der erste Club. Diese Serie ist auch ein Beleg dafür, wie oft Kulturorte in Städten hinter Bauplänen zurückstehen müssen – leise, mit langem Vorlauf, am Ende aber unabwendbar. Die Distillery selbst hat weitergemacht: 2025 eröffnete sie interimsweise auf dem Gelände der Alten Messe neu. Diese Bilder erzählen trotzdem von dem, was an der Kurt-Eisner-Straße bleibt, wenn der letzte Bass verklungen ist – dokumentarisch, nah, ungeschönt.